Zur Debatte gestellt: Meinungen und Kontroverses
Ein vergessener 125. Geburtstag - Erich Rammler
Erinnerung von Guntram Wiesner
Früher musste man sich plagen und aus Kohle Feuer schlagen, heute wendet jedermann Rammlers BHT-Koks an
Es ist ein historisch äußerst interessanter Umstand, wenn drei prägende Wissenschaftler eines Lehrzweiges entweder ihren 150. Geburtstag [1, 2] oder, wie bei Prof. Rammler, den 125. Geburtstag begehen. Verkniffen wurde diesmal die Frage an die professoralen Westimporte gestellt: Welche Bedeutung hat Prof. Rammler [3] überhaupt noch? Vor allem dann, wenn diese Persönlichkeiten der politischen Führung eher ablehnend gegenüberstanden und weder selbsternannter AStA-Historicus noch rektorale Glaubensverfechterinnen der Diversität dies mit Ehrenkolloquien würdigen wollen.
Erich Helmut Rammler wurde am 9. Juli 1901 zwar in Tirpersdorf im vogtländischen Musikwinkel geboren, verbrachte ab 1908 aber seine Kindheit und Jugend in Halle. Nach bestandener Reifeprüfung begann er 1920 ein Bergbaustudium an der Bergakademie Freiberg, das er nach nur fünf Jahren erfolgreich abschloss.
Innerhalb von nur zwei Jahren promovierte er bei Prof. Fritzsche zum Dr.-Ing. mit dem Thema „Untersuchungen über die Messung und Bewertung der Feinheit von Kohlenstaub“. Im Beitrag schreibt Prof. Stoyan „80 Jahre RRSB-Verteilung“: „Der junge Erich Rammler hatte das Glück, sich ... zu einem sehr frühen Zeitpunkt mit ... der Partikelmessung zu widmen.“ Er begann unmittelbar nach bestandener Diplomierung 1925 bei Prof. Paul Rosin mit entsprechenden Forschungen. 1928 folgte er Dr. habil. Paul Rosin an dessen neu gegründetes „Laboratorium für Brennstofftechnik und industrielle Wärmewirtschaft“. Bestimmende Problemthematik in diesem Forschungslabor blieb die Beschreibung der Korngrößenverteilung.
Zusammen mit Paul Rosin, Karl Sperling sowie dem Mathematiker Mayer fanden sie eine empirische Gleichung, die durch Karl Sperling zur RRS-Verteilung 1932/33 vereinfacht wurde. Der britische Mathematiker John Godolphin Bennett vereinfachte diese nochmals. Seit 1936 ist diese als RRSB-Korngrößenverteilung zu finden.
Die RRSB-Korngrößenverteilung ist jedoch dem historischen Zeitabschnitt geschuldet als „Weibull-Verteilung“ in die Wissenschaftsliteratur eingegangen. Als Erich Rammler davon 1951 erfuhr, kommentierte er es in seiner „brummigen Art“ – sah er sich um seine wissenschaftliche Mitarbeit doch betrogen.
Aufgrund der politischen Lage verkaufte Paul Rosin unter dem Vorbehalt eines Rückkaufrechts 1935 das „Laboratorium für Brennstofftechnik und industrielle Wärmewirtschaft“ an Dr. Erich Rammler. Dieses Laboratorium wurde in der Bombennacht 1945 mit sämtlichen Wissenschaftsunterlagen vollkommen zerstört.
Durch die politische Lage und den Druck höchstwahrscheinlich gezwungen, trat Dr. Erich Rammler 1937 der NSDAP bei, verweigerte man ihm 1935 doch die Habilitation an der Bergakademie aus politischen Gründen. Dennoch durfte er die Unterabteilung der Feuerungstechnik und Wärmewirtschaft am Braunkohlenforschungsinstitut der Bergakademie Freiberg ehrenamtlich leiten.
Von Erich Rammler wird berichtet, dass Dr. Jäppel als NSDAP-Mitglied nach 1949 keine Chance bei ihm gehabt hätte, hätte sich Dr. Jäppel nicht schon vor 1945 von der NS-Ideologie abgewandt. In der zeitgenössischen Überlieferung wird dies nur einmal in der IEC-Schriftenreihe thematisiert.
Nach Kriegsende kehrte Erich Rammler 1945 aus dem elterlichen Haus in Bitterfeld kommend an die Bergakademie zu Prof. Karl Kegel zurück. 1949 erfolgte die Berufung zum Professor für Wärmewirtschaft und Brennstofftechnik. Von 1959 bis 1963 war er zudem Direktor des Deutschen Brennstoffinstituts Freiberg.
Wenn man die Veröffentlichung der Bergakademie Freiberg zu Prof. Rammler liest [4], beschleicht einen der nicht unbegründete Eindruck, dass sich wieder ein ideologisch getriebener Zeitgeist eines Parteienspektrums seinem Forschergeist entgegenstellt und ihn erneut um seine Leistungen prellen will.
Weiterführende Literatur bzw. Quellen:
[1] forumaktuell.info/debatte/ein-vergessener-150-geburtstag
[2] forumaktuell.info/debatte/ein-vergessener-150zigster-geburtstag-prof-friedrich-seidenschnur
[3] www.deutsche-biographie.de/gnd118598120.html#ndbcontent ↗
[4] tu-freiberg.de/universitaet/geschichte/persoenlichkeiten-der-geschichte-der-bergakademie/erich-rammler ↗