Zur Debatte gestellt: Meinungen und Kontroverses
Ein vergessener 150. Geburtstag - Prof. Friedrich Seidenschnur
Erinnerung von Guntram Wiesner
Wenn man den beinahe vergessenen 150. Geburtstag von Prof. Karl Kegel seitens der Bergakademie Freiberg anmahnt, so kommt man nicht umhin, auch auf den Lebensweg von Prof. Friedrich Seidenschnur zu verweisen.
Wenig ist über Prof. Seidenschnur zu finden – lediglich ein kleines Heft der Reihe „Schriften des IEC“, verfasst von E. Mehner und W. Lauterbach. Dennoch ist ein Blick auf sein Forscherleben gerade in der heutigen Zeit von sehr großer Bedeutung.
Prof. Friedrich Seidenschnur wurde am 14.05.1876 in Berlin geboren. Nach Realschule und Gymnasium begann er an der TH Berlin ein Chemiestudium, das er nach 12 Semestern erfolgreich beendete.
Seine erste Anstellung fand er in Jersitz bei Posen. Nach dem Wechsel nach Berlin folgten leitende Aufgaben in Forschungslaboren, darunter bei der Deutschen Erdöl AG (DEA). Ab 1919 war er freier Forscher an der TH Berlin.
1920 kam die Berufung an die Bergakademie. Ihm wurde der Aufbau einer technischen Versuchsanlage auf der Reichen Zeche mit den dazugehörenden Gebäuden anvertraut. Mit der Fertigstellung der Gebäude für die „Wärmewirtschaftliche Abteilung am Braunkohleinstitut der Bergakademie“ auf der Reichen Zeche nach Planungsentwürfen von Prof. Seidenschnur im Jahr 1922 konnte die Forschungstätigkeit aufgenommen werden. Beide Professoren standen am Beginn einer notwendigen wissenschaftlichen Neuorientierung innerhalb der Bergakademie, ohne den dafür oft vorausgesetzten Stallgeruch universitärer Einrichtungen in Form einer Promotion vorweisen zu können.
Bereits vor der Machtergreifung durch die NSDAP sahen sich anscheinend verschiedene Professoren zunehmenden Anfeindungen durch die NSDAP-Studierendenschaft ausgesetzt. Neben Prof. Seidenschnur und Prof. Kegel befanden sich darunter auch die Professoren Aeckerlein, Willer, Rosin und Kögler sowie Dr. Hofmann, Dr. Mestern und Dr. Jakobartl. Prof. Kögler und Dr. Hofmann wählten infolge erlittener Diskriminierungen und Diffamierungen 1939 die Flucht in den Freitod.
Rektor Schumacher nutzte den § 6 des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ [1], um Prof. Seidenschnur am 31.12.1934 in den vorzeitigen Ruhestand zu versetzen. Diese Zwangsemeritierung stieß bei Industrievertretern wahrscheinlich auf Kritik. Prof. Seidenschnur gehörte zu den wenigen Professoren, die das „Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler“ [2] nicht mitunterzeichneten.
Durch seine Stellvertreter Dr.-Ing. Schmidt, Dr. Groh sowie Dr. Jäppelt (alle ab 1932 NSDAP-Mitglieder), aber auch durch Rektor Schumacher (1933–1935) sowie die örtliche NSDAP-Leitung unter Böhme wurde die vorzeitige Emeritierung über das Reichsministerium in Berlin weiter vorangetrieben und in die Wege geleitet.
Am 31.03.1935 wurde Prof. Seidenschnur endgültig aus dem Hochschuldienst entlassen. Letztendlich dürfte aber die NSDAP-Studierendenschaft eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Dass sich Prof. Seidenschnur an die Gestapo wandte, könnte daran gelegen haben, dass er hinter der Intrige seiner Stellvertreter Wirtschaftssabotage vermutete. Abschließend lässt sich das nicht mehr aufklären.
Nach seiner Emeritierung suchte Prof. Seidenschnur in Wernigerode eine neue Umgebung, wo er am 19.10.1947 nach seiner Frau verstarb.
Dass Prof. Seidenschnur im Gegensatz zu Prof. Karl Kegel in Vergessenheit geriet, dürfte im Wesentlichen mit der vorzeitigen und sehr frühen Beendigung seiner Forschungstätigkeit an der Bergakademie zusammenhängen. Lobende Worte auf sein Wirken fand sein Nachfolger, Dr.-Ing. Schmidt, nachdem er ihn aus dem Amt gedrängt hatte. Der Lebensweg von Prof. Seidenschnur scheint im Hinblick auf Vorlesungsstörungen durch aufgewacht-extreme Gruppen [3] oder fristlose Kündigungen wieder hochaktuell.
Sätze wie „dass ein Bedürfnis zur Abhaltung solcher Vorlesungen für Studierende nicht vorliegt, [...] beharrte [...] Studentenschaft der Bergakademie darauf, [...] Vorlesungen nicht mehr zu besuchen“ des Rektors Schumacher nach der Machtergreifung gehören seit 1989 wieder zum Vokabular mancher Professoren dieser Bergakademie Freiberg.
Es erklärt aber auch, warum das Rektorat an Prof. Karl Kegel, Prof. Fritz Seidenschnur und Prof. Rammler nicht mit Ehrenkolloquien erinnern möchte.[4][5] Zutage träte andernfalls auch eine völlig heruntergewirtschaftete Bergakademie, die sich ihrer Bedeutung weder bewusst sein will noch sich gegen deren Verlust wehrt.