Zur Debatte gestellt: Meinungen und Kontroverses -

Königliche Spuren in Freiberg

von Wolfgang Madai

Vor 90 Jahren besuchte der letzte sächsische Kronprinz Georg von Sachsen die Bergstadt. Was folgte, war ein außergewöhnlicher Lebensweg.

Historische Fotos (s/w)
Fotos: Dompfarramt Dresden

Ein Kronprinz auf dem Untermarkt? Vor 90 Jahren war das in Freiberg tatsächlich möglich. Im Jahr 1936 besuchte Georg von Sachsen, der letzte Kronprinz des Königreichs Sachsen, die Bergstadt. Und wer damals genauer hinsah, konnte einen Mann erleben, dessen Lebensweg kaum ungewöhnlicher hätte sein können.

Georg war 1893 im Dresdner Taschenbergpalais geboren worden – als ältester Sohn des späteren sächsischen Königs Friedrich August III. Seine Kindheit verlief zunächst standesgemäß, jedoch weniger glamourös, als man es sich vielleicht vorstellen würde. Georg besuchte eine vom Vorgängerkönig gleichen Namens gegründete Privatschule. Dort saßen Standesgenossen und bürgerliche Kinder gemeinsam im Klassenzimmer. Unterrichtet wurden sie von Gymnasialprofessoren. 1912 machte Georg sein Abitur.

Daneben stand die militärische Ausbildung. Er trat in das Leibregiment 100 ein und bezog später die Königliche Villa in Dresden-Strehlen. Es folgte eine mehrmonatige Balkanreise. Ein anschließendes Studium in Leipzig war bereits geplant – doch dann kam alles anders.

1914 begann der Erste Weltkrieg.

Aus dem Studenten wurde ein Frontoffizier. Georg kämpfte sowohl im Osten als auch im Westen Europas und brachte es bis zum Oberstleutnant.

Vier Jahre später war nicht nur der Krieg verloren, sondern auch die Monarchie Geschichte. Im November 1918 dankte Georgs Vater ab. Der junge Kronprinz begann daraufhin in Breslau und Tübingen Nationalökonomie und Philosophie zu studieren. Zugleich verzichtete er auf seine Stellung als Chef des Hauses Wettin zugunsten seines jüngeren Bruders.

Und dann schlug Georg einen Weg ein, den wohl kaum jemand erwartet hätte:

Er wollte Priester werden.

Nach langem Ringen entschied er sich für ein Theologiestudium. 1924 wurde er in Trebnitz bei Breslau zum Priester geweiht. Ein Jahr später trat er dem Jesuitenorden bei.

Aus dem Königssohn war ein Jesuitenpater geworden.

Sein Interesse an sozialen und politischen Fragen blieb ihm dennoch erhalten. Georg hielt im In- und Ausland Vorträge und Predigten und kehrte dabei immer wieder in seine sächsische Heimat zurück.

1936 führte ihn sein Weg nach Freiberg.

Die katholische Gemeinde der Stadt war damals noch vergleichsweise klein. Georg nahm an ihrer Fronleichnamsprozession am Untermarkt teil. Anschließend besuchte er im Dom die Grabstätten seiner evangelischen Vorfahren und traf Menschen in Freiberg und der Umgebung.

Dabei soll er sich ausgesprochen bescheiden und menschenfreundlich gezeigt haben. Eine Eigenschaft, die man auch seinem Vater, König Friedrich August III., nachsagte.

Viel Zeit zum Verweilen hatte der prominente Besucher allerdings nicht. Unmittelbar nach seinem Freiberg-Aufenthalt brach Georg zu einer dreimonatigen Orientreise auf, die ihn nach Palästina, Ägypten und in den Libanon führte.

Zurück in Deutschland beobachtete er die politische Entwicklung mit wachsender Sorge. Im Herbst 1936 schrieb er an seinen Ordensgeneral Wladimir Ledochowski nach Rom und fragte, ob es angesichts der zunehmenden politischen Bedrohung nicht besser wäre, Deutschland zu verlassen.

Georg wusste, dass seine Herkunft und seine Kontakte gefährlich werden konnten. Als erstgeborener Königssohn und deutscher Konservativer stand er mit zahlreichen Menschen in Verbindung – auch mit Kreisen, die dem NS-Regime kritisch oder ablehnend gegenüberstanden.

Trotz der Gefahren blieb er in Deutschland.

Im Mai 1943 endete sein Leben auf tragische Weise. Georg von Sachsen ertrank beim Schwimmen im Groß Glienicker See bei Berlin. Er wurde nur 50 Jahre alt.

Bis heute gibt es Vermutungen, dass die Gestapo bei seinem Tod ihre Hand im Spiel gehabt haben könnte. Beweisen ließ sich dies allerdings nicht.

Seine letzte Ruhe fand Georg von Sachsen in der Königsgruft der Dresdner Hofkirche.

Den Untergang seiner geliebten Heimatstadt musste er nicht mehr miterleben. Nur zwei Jahre nach seinem Tod, im Februar 1945, wurde Dresden in den verheerenden Bombenangriffen weitgehend zerstört.

So bleibt von seinem Besuch in Freiberg vor 90 Jahren mehr als nur eine kleine Episode der Stadtgeschichte: Ein ehemaliger Kronprinz stand am Untermarkt mitten unter den Menschen – ein Mann, der als Königssohn geboren wurde, als Soldat in den Krieg zog, auf den Thron verzichtete und schließlich Priester wurde.

Eine ungewöhnliche Geschichte – und eine, die 90 Jahre später noch immer einen zweiten Blick wert ist.

zurück …