Zur Debatte gestellt: Meinungen und Kontroverses
Alles auf Anfang? – Jugendarbeit ab 1992 in Freiberg
Eine Reflexion von Guntram Wiesner
Bis zum 19.10.2026 zeigt das Stadt- und Bergbaumuseum die AGJF-Wanderausstellung "Aufbrüche – Alles auf Anfang". Thematisiert wird ein Zeitabschnitt ab 1992.
Aus dem Begleitmaterial zur Ausstellung geht nicht hervor, ob Anfänge seit 1989 berücksichtigt werden. Bleiben vielerorts prägendere Akteure eines demokratischen Aufbruchs, wie Hannelore Lohse, Christoph Weidensdorfer, Gero Könnecke oder die evangelischen Jugendwarte Peter Popp und Matthias Tröger sowie Kaplan Peter Domaschke – um allein nur im Kreis Freiberg zu bleiben – unerwähnt. Daher scheint ein Besuch wenig aufschlussreich und der Kauf der Eintrittskarte nicht lohnenswert.
Interessant für Freiberg ist vielmehr der Dokumentarfilm mit den Erinnerungen von Carola Weise, Heiko Heese sowie Carsten Kohlschmidt.[1] Einzig Carola Weise findet nur äußerst punktuell kritische, rare Worte. Weder Heiko Heese noch Carsten Kohlschmidt reflektierten, was Inhalte sowie Ziele von Kinder- und Jugendarbeit sind.
Schon der Titel "Aufbrüche – Alles auf Anfang" beinhaltet eine Täuschung in sich. Gegründet wurde die AGJF Sachsen e.V. als Gegenentwurf zum Landesjugendring unter starker Repräsentanz von Jugendämtern mit dem Ziel, Interessen nichtverbandlicher Jugendarbeit zu bündeln.
An der AGJF Sachsen e.V. – es steht für Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten – sowie dem Pi-Haus lässt sich der Abwärtstrend von Jugendsozialarbeit festmachen. Uniformiert sattsame Marketingstrukturen manifestierten sich im Einheitsgrün von AGJF sowie des Kinder- und Jugendring Sachsen e.V. sowie anderswo, die Probleme mit Ideologie beantwortet.
Die AGJF startete mit sehr umfangreichen ABM-Programmen. Sehr gut ausgestattet mit einem mindestens 15 Fahrzeuge der Marke "Opel Corsa" umfassenden Leasingpool eines baden-württembergischen Autohändlers. Alles äußerst großzügig finanziert über Fördermittel. Davon konnten andere, freie Träger nur träumen. Mit diesen Fördermitteln gelang es jedoch nicht, tragfähige Strukturen aufzubauen. Schon 1994 zeichneten sich Finanzierungsschwierigkeiten zunehmend ab.
Welche Fehlanreize durch Fördermittel entstehen, zeigte sich am Jugendklub "Freiberg Jugendtreff e.V." im "Bunten Haus". Urplötzlich standen Ende des Jahres 1992 oder 1993 ca. 50.000 DM (was einem Gegenwert von 1:10 bis 1:100 Ostmark entsprach!) an Finanzmitteln zur Verfügung, die innerhalb einer Dreimonatsfrist auszugeben waren. Gefördert wurde nicht, was zukunftsfähig wäre oder dringend gebraucht würde: Sozialpädagogen. Diese mussten vorrangig aus nichtqualifizierten ABM-Bereichen rekrutiert werden.
Wenig bekannt ist, dass die Trägerschaft des Pi-Hauses dem 1990 gegründeten Kreisjugendring Freiberg angetragen werden sollte. Darin begründet sich die untypische Mitgliedschaft des KJR Freiberg im Pi-Haus-Verein. In seiner Historie kommt dem KJR Freiberg eine sachsenweite, nicht gewürdigte Sonderrolle zu. Dieser nahm vieles vorweg, was später folgte.
"Aufbrüche – Alles auf Anfang" bildet rückblickend den Startpunkt, ab wann man das Partizipationsprinzip schrittweise aushebelte. Nach erzwungener Liquidation des KJR Freiberg nach 2006 folgte wenige Jahre später das Aus des Pi-Hauses als eigener Träger. Am Ende standen Verstaatlichungsstrukturen über Rekommunalisierung bzw. staatsgeförderte Sozialkonzerne.
Mit Gründung des sich politisch neutral verstehenden Freiberger Jugendtreff e.V. im "Bunten Haus" gelang es auch, die mittlerweile in Kritik geratene Parteijugend "Die Falken" aus Freiberg herauszuhalten.[2] Anders als das Pi-Haus war der Freiberg Jugendtreff im direkten Fokus gewaltbereiter Jugendlicher, welche im „Würfel“ beheimatet waren und zum Aufgabengebiet des Streetworkers Heiko Heese gehörten.
Auch die autonomen Jugendhäuser im Münzbachtal (Schössergut) sowie an der Bleiche scheiterten in Gebäudeabrissen. Dabei bildet der Rückgriff auf rechts- oder linksextreme Ideologien immer den Vorwand für Gewalttaten. Rückblickend wäre zu klären, wer damals Einfluss auf diese "Würfel-Szene" nahm.[3,4]
Bekenntnisse wie 'ACAB' im Treibhaus Döbeln 2019/2020 [5] stehen der förderungswürdig gebotenen Neutralität des "Trägers der freien Jugendhilfe" nach § 75 SGB VIII [15] entgegen. Zeitgleich offenbart es eines der vielen existenziellen Problemfelder von Jugendsozialarbeit neben der unreflektierten Übernahme fragwürdiger Lehrmeinungen nach Sielert-Timmermann-Standard.[6]
Die derzeitigen jugendpolitischen und -sozialen Verwerfungen mit bisher unbekannten Gewaltexzessen hängen auch mit dem Versagen einer gesamten Jugendsozialpädagogik der Jahre 2020 bis 2022 sowie dem Schweigen von AGJF sowie KJR Sachsen e.V. zusammen.
Lediglich der KJR Mittelsachsen e.V. unter dem damaligen Vorsitzenden Joachim Fänder fand noch 2020 deutschlandweit absolut singulär kritische Worte zu Corona-Einschränkungen. Das nachträgliche Löschen dieser Presseerklärungen durch den amtierenden Vorstand lässt eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Verbandsgeschichte vermissen und steht exemplarisch für eine Verengung des demokratischen Diskurses in Teilen der organisierten Jugendarbeit.
Kinder- und Jugendarbeit braucht neben Orientierung auch Grenzen. Was sind Ideale und vor allem welche, denen man nachfolgen sollte? Das durch eine Verwaltung kontrolliert gelenkte Kinder- und Jugendparlament ersetzt die Fehlstelle eines über Mittelentzug zerschlagenen KJR Freiberg, ohne die damit verbundene Verantwortung übernehmen zu wollen.
Wenn und was soll die Glorifizierung von Radikalität im Graubereich zur Gewaltbereitschaft in einer Ahnengalerie wie im Pi-Haus erreichen?[7,8] Ein Nacheifern falscher Vorbildern kann durchaus im Fiasko enden.[9]
Äußerst fragwürdig im Hinblick auf einen Gesellschaftsausgleich erscheint der AGJF-Beirat [10,11]. Die Überreichung des äußerst umstrittenen "Young Rebels"-Buches mit Biografien wohlsituierter Jugendlicher im Rahmen des Jugendpreises 2025 wirft die Frage auf, wer alles noch Probleme innerhalb der freiheitlich-demokratischen Willensbildung hat.[12,13,14]
"Komplett abwickeln, alles auf Anfang – Fallbeispiele eines gewollten Niedergangs" wäre ein treffender Ausstellungstitel gewesen.
Abkürzungen
| 161 - Antifaschistische Aktion |
| ACAB bzw. 1312 - All Cops Are Bastards (Alle Polizisten sind Bastarde) |
Referenzen
[1] www.youtube.com/watch?v=9pD8zVbEVfg ↗
[2] www.mdr.de/nachrichten/sachsen/bautzen/goerlitz-weisswasser-zittau/porno-schule-theater-bundestag-landtag-100.html ↗
[3] www.youtube.com/watch?v=kFzjbt5c7jI ↗
[4] www.youtube.com/watch?v=5K3DVpWHHjM ↗
[5] www.deutschlandfunkkultur.de/treibhaus-e-v-in-doebeln-afd-setzt-saechsischen-verein-100.html ↗
[6] www.die-tagespost.de/leben/familie/von-kentler-zur-sexualpaedagogik-der-vielfalt-art-233298 ↗
[7] de.wikipedia.org/wiki/Jakob_Springfeld ↗
[8] www.facebook.com/StadtFreiberg.de/posts/jugendpreis-verliehen-für-ihren-mut-und-ideenreichtum-sowie-ihr-großes-engagemen/122139092996840427/ ↗
[9] de.wikipedia.org/wiki/Sophie_Scholl ↗
[10] www.agjf-sachsen.de/vorstand-beirat.html ↗
[11] www.facebook.com/groups/schwarzenberg/posts/25456284523965902/ ↗
[12] www.vaticannews.va/de/kirche/news/2023-11/umweltbischof-lohmann-greta-thunberg-antisemitische-stimmung.html ↗
[13] forumaktuell.info/aktuelles/information-zum-garagenkonzept-in-der-nikolaikirche ↗
[14] www.deutschlandfunkkultur.de/erst-kommt-das-fressen-100.html ↗
[15] www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__75.html ↗ siehe u.a. Abs. 4: die Gewähr für eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit bieten.