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Social Media und ihre Tücken
Von Ivonne Grecksch
Social Media und ihre Tücken
Wer steckt wirklich hinter dem Bildschirm?
Ein Wischen nach rechts, ein kurzes Video, ein fremdes Gesicht und schon geht es weiter. Das nächste Video, der nächste Mensch, die nächste Geschichte. So beginnt heute für viele ein ganz gewöhnlicher Abend.
Auch ich habe irgendwann angefangen, durch TikTok zu scrollen. Eigentlich nur aus Neugier und zur Unterhaltung. Doch irgendwann merkte ich, dass hinter diesen kleinen Videos Menschen mit Geschichten, Sorgen und Hoffnungen stehen. Meine eigenen Erfahrungen habe ich vor allem auf TikTok gemacht. Doch vieles von dem, was mir dort begegnet ist, lässt sich längst auf soziale Medien insgesamt übertragen. Aus zufälligen Begegnungen entstanden Gespräche und aus manchen Gesprächen wurde mehr. Ich habe über TikTok einen Menschen kennengelernt, der Deutschland verlassen und mittlerweile Kasachstan erreicht hat. Seine Reise konnte ich über Videos und Livestreams mitverfolgen. Auch zwei Frauen, die ich über diese Plattform kennengelernt habe und die ungefähr in meinem Alter sind, gehören inzwischen zu meinem Alltag. Wir schreiben und telefonieren auch außerhalb und tauschen uns über unser Leben aus.
Man muss sich nicht persönlich kennen und trotzdem kann daraus etwas entstehen, das sich erstaunlich echt anfühlt. Genau darin liegt für mich die faszinierende Seite sozialer Medien: Sie können Menschen zusammenbringen, die sich im wirklichen Leben vermutlich niemals begegnet wären. Doch wie gut kennen wir eigentlich die Menschen, die uns täglich auf dem Bildschirm begegnen? Ich habe erlebt, wie schnell Menschen anhand eines Fotos beurteilt werden. Ein Gesicht reicht und schon wird über Charakter, Aussehen oder Leben geurteilt. Dabei weiß man über den Menschen dahinter oft kaum etwas. Besonders schwierig wird es beim Alter. Wer sagt uns, dass jemand, der sich als über 18 ausgibt, tatsächlich erwachsen ist? Und umgekehrt kann sich auch ein Erwachsener jünger darstellen. Trotzdem entstehen Gespräche, Vertrauen und manchmal sogar enge Beziehungen. Wir erzählen von unseren Sorgen und unserem Leben, ohne immer genau zu wissen, wem wir diese Informationen eigentlich anvertrauen. Auch Privates wird heute schnell öffentlich. Gemeinsame Fotos, Liebeserklärungen, Streitigkeiten oder Trennungen können von völlig Fremden verfolgt werden. Was früher nur der Freundeskreis wusste, findet heute manchmal vor einem großen Publikum statt.
Und dann sind da die Geschichten, die uns täglich erreichen. Menschen erzählen von Krankheit, Einsamkeit, Krieg, Verlust oder einem völlig neuen Leben. Manche berühren uns so sehr, dass wir helfen möchten. Andere lassen uns zweifeln. Ich habe beispielsweise einen Russen erlebt, der davon erzählt, Soldat zu sein, von einer Kaserne berichtet und davon, bald an die Front zu müssen. Gleichzeitig ist er stundenlang auf TikTok aktiv. Was davon stimmt? Was ist vielleicht nur ein Teil der Wahrheit? Und was ist möglicherweise eine Rolle? Ich kann es nicht wissen. Genau darin liegt eine der größten Gefahren sozialer Medien. Wir reagieren auf Geschichten, die wir oft nicht überprüfen können. Wir fühlen mit, glauben oder verurteilen, obwohl uns nur ein kleiner Teil des Lebens gezeigt wird. Das gilt auch für sogenannte „Pedo Hunter“, die im Internet mutmaßliche Täter aufspüren und ihre Aktionen öffentlich darstellen. Der Schutz von Kindern ist zweifellos wichtig. Trotzdem darf man fragen: Ist wirklich alles so passiert, wie es im Video dargestellt wird? Kommt tatsächlich jedes Mal die Polizei? Wie werden Spenden verwendet? Und spielen neben dem Schutz von Kindern vielleicht auch Klicks, Likes und Follower eine Rolle? Von außen lässt sich das nicht immer beurteilen. Gerade deshalb sollte man auch hier nicht alles ungeprüft glauben. Für Kinder und Jugendliche ist diese digitale Welt längst selbstverständlich. Freundschaften entstehen über das Internet, Gespräche finden über Headsets statt und manchmal kennt man jemanden, mit dem man stundenlang spielt oder schreibt, besser als den Nachbarn von nebenan. Doch wer weiß wirklich, wer sich hinter einem Profil verbirgt? Jeder kann ein anderes Alter angeben und sich hinter einem Namen oder Avatar verstecken. Dazu kommt künstliche Intelligenz. Bilder können verändert, Gesichter künstlich erzeugt und Stimmen nachgemacht werden. Was echt aussieht, muss nicht echt sein. Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage nicht, ob soziale Medien gut oder schlecht sind. Entscheidend ist, ob wir lernen, damit richtig umzugehen. Denn das wirkliche Leben spielt sich nicht auf einem Bildschirm ab. Ein Gespräch am Küchentisch ist kein Chat. Ein Spaziergang ist kein Livestream. Eine Umarmung ist kein Emoji. Und ein Mensch ist mehr als sein Profilbild. Soziale Medien geben uns die Möglichkeit, Menschen kennenzulernen, denen wir sonst vielleicht niemals begegnet wären. Ich habe selbst Menschen kennengelernt, mit denen ich heute noch Kontakt habe. Ich habe Geschichten gehört, die mich beschäftigt haben, und Menschen lachen, weinen und über ihr Leben erzählen sehen. Aber wir sollten dabei eines bewahren: unseren gesunden Menschenverstand. Nicht jeder kennt uns, der uns beleidigt. Nicht jeder meint es ehrlich, der uns schmeichelt. Nicht jede Geschichte ist wahr, aber auch nicht jede ist erfunden. Vielleicht sollten wir wieder lernen, genauer hinzusehen. Nicht alles sofort zu glauben, aber auch nicht vorschnell zu verurteilen. Hinter einem Profil kann eine Rolle stecken. Es kann aber genauso gut ein Mensch stehen, der uns etwas Echtes aus seinem Leben zeigt und den wir ohne soziale Medien vielleicht niemals kennengelernt hätten. Und vielleicht ist genau das die größte Tücke dieser neuen Welt:
Wir wissen nie ganz genau, wer auf der anderen Seite des Bildschirms sitzt.