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Die Fußball-WM als Ablenkungsmanöver

Wie Sportereignisse zum Durchdrücken unpopulärer Gesetze missbraucht werden

Carolin Bachmann vor dem Reichstag
Foto: C. Bachmann (2026)

Der Sommer 2026 hat es in sich. Die schwarz-rote Koalition unter Friedrich Merz schiebt gleich drei der unbeliebtesten Reformvorhaben im Eiltempo während der FIFA-Weltmeisterschaft in Nordamerika durch das parlamentarische Verfahren.

Krankenkassenreform zulasten der deutschen Arbeiter und Familien

Die sogenannte Krankenkassenreform (parlamentarisch bezeichnet als „Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung“) wurde am 12. Juni 2026 erstmals beraten und am 10. Juli bereits verabschiedet. Schon seit dem Bekanntwerden des Referentenentwurfs Mitte April hagelte es von Ärzten und Verbänden massive Kritik an den sogenannten Reformen, die natürlich wieder keine echten Reformen sind, sondern, wie so oft unter der CDU-geführten kleinen Koalition, Einsparungen zu Lasten der deutschen Arbeiter und Familien. Die gesetzliche Krankenversicherung steht vor einer hausgemachten dramatischen Finanzkrise. Für das Jahr 2027 zeichnet sich eine Finanzlücke von bis zu 15 Milliarden Euro ab, die im Jahr 2030 ohne grundlegende Reformen auf über 40 Milliarden Euro ansteigen wird. Für ihr eigenes Versagen bestraft die Bundesregierung ausgerechnet die arbeitenden deutschen Beitragszahler, die unter den höchsten Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen weltweit leiden. Hektisches Nachbessern durch die Regierung und Vorlagen mit zu kurzen Fristen, in denen keine seriöse Beurteilung möglich ist, kennzeichnen das Verfahren.

Nach 45 Arbeitsjahren keine abschlagsfreie Rente mehr

Auch die Rentenreform wurde noch vor der Sommerpause beschlossen. Friedrich Merz nannte das Paket ein „Gesamtkunstwerk, das in seiner Gesamtheit funktioniert". Damit zeigt sich die Diskussionsunlust und Realitätsferne der Bundesregierung. Zwei Änderungen sind besonders einschneidend:

  • Zum einen wird eine Rente nach 45 Beitragsjahren nicht mehr abschlagsfrei gewährt.
  • Zum anderen wird der Wegfall der Regelungen für Minijobs vor allem die Gastronomie und den Einzelhandel treffen. Damit sind Tätigkeiten im Nebenjob nicht mehr wie bisher möglich. Und es werden landauf, landab weitere Geschäfte, Gaststätten und Hotels schließen müssen.

Von einem Tag auf den anderen wird der Heizungshammer wieder hervorgeholt

Der Höhepunkt der Dreistigkeit war das Hervorholen des sogenannten Heizungshammers buchstäblich am vorletzten Tag. In einer Ausschusssitzung am Donnerstagmittag wurde darüber entschieden, auch das Gebäudeenergiegesetz noch vor der Sommerpause auf die Tagesordnung des letzten Sitzungstages zu setzen. Die CDU hat im Wahlkampf versprochen, dieses Gesetz komplett abzuschaffen. Das Ergebnis ist nun ein Heizungshammer 2.0. Das Gesetz beinhaltet die gleiche Gängelei, nur in neuem Gewand.

Ablenkungsmanöver in raffiniertem Zeitplan

Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt. Bedeutsame Einschnitte, die Millionen Deutsche unmittelbar treffen werden, sollten im freudigen Trubel eines Großereignisses untergehen. Der Zeitplan wirkt, als hätte ihn jemand mit spitzer Feder entworfen. Am 10. Juli 2026 ließ der Bundestag drei weitreichende Reformen in Rentenversicherung, Krankenversicherung und Gebäudeenergie abstimmen. Die deutsche Nationalmannschaft ist mit der Niederlage gegen Paraguay bereits am 25. Juni ausgeschieden. Hätten sich die Spieler aber besser geschlagen, dann wäre die Freude über den Einzug der deutschen Fußballer ins WM-Viertelfinale zeitlich genau mit den Bundestagsabstimmungen am 10. Juli zusammengefallen. Nebenbei wurde auch die Bezugsdauer für Elterngeld um zwei Monate verkürzt. Im Europäischen Parlament in Straßburg wurde am 9. Juli noch die umstrittene Chatkontrolle durchgeboxt, ein Gesetz, das erst drei Monate zuvor abgelehnt wurde.

Perfide Tradition zur Durchsetzung politisch unpopulärer Entscheidungen

Solche Vorgänge haben in der Bundespolitik eine lange Tradition. Auf dem Höhepunkt des Sommermärchens der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland vor zwanzig Jahren wurde die größte Steuererhöhung seit Bestehen der Bundesrepublik durchgedrückt. 2006, als „die Welt zu Gast bei Freunden“ war, erwies sich die Regierung zugleich sehr unfreundlich gegenüber ihren Steuerzahlern. Die Euphorie eines gewonnenen Fußballturniers ist irgendwann verflogen und es gibt neue aufregende Sportereignisse. Doch die von 16 auf 19 Prozent erhöhte Mehrwertsteuer ist uns bis heute geblieben.

2010 zur nächsten Fußballweltmeisterschaft in Südafrika wurde dann der Beitragssatz für die gesetzliche Krankenversicherung angehoben.

Während am 28. Juni 2012 fast 30 Millionen Menschen das EM-Halbfinale Deutschland gegen Italien verfolgten, waren im Bundestag gerade einmal 27 von damals insgesamt 620 Abgeordneten anwesend.1 In weniger als einer Minute wurde das Gesetz zur „Fortentwicklung des Meldewesens" beschlossen. Reden zum Tagesordnungspunkt werden nur zu Protokoll gegeben, aber nicht im Plenum gehalten.2 Behörden konnten nun persönliche Daten der Bürger ungefragt an Unternehmen und Adresshändler verkaufen, sofern ihnen die Betroffenen nicht aktiv widersprechen. Nach dem Turnier brach eine Empörungswelle los. Vom Bundesrat wurde das Gesetz wieder aufgehoben. 2014 wurde während der Fußballweltmeisterschaft die Lebensversicherungsreform beschlossen und 2016 während der Fußballeuropameisterschaft die Novelle des Erbschaftssteuerrechts, das Antiterrorpaket mit erweiterten Geheimdienst- und Polizeibefugnissen und das Fracking-Gesetz. Zur WM 2018 stimmte der Bundestag der Anhebung der staatlichen Parteienfinanzierung von 165 auf 190 Millionen Euro zu. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe erklärte das Gesetz 2023 für nichtig.

Der Sportsoziologe Helmut Digel beschäftigt sich seit den 1980er-Jahren mit dem Zusammenwirken von politischen Entscheidungen und sportlichen Großveranstaltungen. Kürzlich sagte er gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA): „Ein großes Sportereignis wie die diesjährige Fußballweltmeisterschaft 2026 hat durchaus das Potenzial, die Bürger von wichtigen politischen Ereignissen und Entscheidungen abzulenken.“

AfD leitet die Rückkehr zu demokratischen Prinzipien ein

Diese ungute Routine zeigt einmal mehr, dass es höchste Zeit für einen neuen Politikstil in Deutschland ist, der einen Schlussstrich unter solche Manipulationen zieht und wieder dem demokratischen Anspruch unseres Parlaments gerecht wird. Eine AfD-Regierung würde den Reformstau in Deutschland auflösen.

Um nur ein Beispiel für die notwendige Krankenkassenreform zu nennen: Die vollständige Erstattung der tatsächlichen Gesundheitskosten für deutsche Bürgergeldempfänger aus Bundessteuermitteln würde eine Entlastung durch Mehreinnahmen in Höhe von 6,7 Mrd. Euro bewirken. Weitere 6,2 Mrd. Euro ließen sich sparen, wenn ausländische Bürgergeldempfänger künftig selbst für ihre medizinischen Kosten aufkommen müssen. Mit den eingesparten 12,9 Mrd. Euro ließe sich sofort die Deckungslücke der gesetzlichen Krankenversicherung schließen.

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