Neue Öffentlichkeit
von Michael Meyen
„Die kastrierte Öffentlichkeit“ heißt der Text, den ich gerade für TUMULT geschrieben habe, eine Zeitschrift, die in Dresden gemacht wird, nicht weit weg von Freiberg. Es geht dort zunächst um das Offensichtliche – um einen Staatsfunk und um Medienkonzerne, die das Land unter sich aufgeteilt haben und weitgehend mit einer Stimme sprechen, weil sie mit der Macht verbandelt sind und direkt oder indirekt gesteuert werden, von Ministerien und Parteien, von den Ultrareichen und ihren Stiftungen, von Geheimdiensten.
Es geht in diesem Text aber auch um die Ebenen unterhalb der Leitmedienöffentlichkeit – um Demos und Versammlungen, um Konzerte und Lesungen und um das, was wir auf den Plattformen posten und sehen. Auch diese kleinen Öffentlichkeiten sind seit gut anderthalb Jahrzehnten korrumpiert, weil sie von der gerade herrschenden Moral regiert werden und von denen, die über sie wachen, weil sie dafür bezahlt werden oder auf Steuergelder hoffen.
Die Lösung halten Sie in der Hand [Anmerkung der Redaktion: Der Artikel bezieht sich auf die folgende Druckausgabe]: eine Zeitung von unten, ganz klassisch auf Papier. Hier sieht niemand, was Sie lesen. Hier werden Sie überrascht, weil es keine Suchfunktion gibt und keinen Algorithmus. Und hier kann niemand löschen oder umschreiben. Gedrucktes überdauert die Zeiten – und sei es auf einem Dachboden, auf dem dereinst unsere Urenkel stöbern und staunen werden, womit wir uns plagen mussten. Ich wünsche dem Freiberger Projekt einen langen Atem und viele Leser, die zu Schreibern werden. Glück auf!