Da ist was faul im Staate Deutschland
von Mathilda Huss
Stellungnahme zu den Vorwürfen gegen den Vortrag „Die hereditäre Wende“
Wie es bei Anschuldigungen üblich ist, die sich hinter hehren Prinzipien und tiefer Ignoranz verschanzen, weiß ich nicht einmal genau, wogegen ich mich eigentlich verteidigen soll. Man wirft mir „Pseudowissenschaft“ vor, ohne zu erklären, was damit gemeint ist. Selbst wenn es sich bei den Kritikern tatsächlich um Fachleute der modernen Humangenetik handeln sollte – was ich bei manchen Soziologen stark bezweifle –, wissen diese sehr genau: Eine seriöse Diskussion komplexer Fragen, etwa ob die genetischen Unterschiede innerhalb von Populationen relevanter sind als zwischen ihnen, lässt sich in einer Zeitung nicht führen. Die nötigen Messmethoden und Datensätze sind für Laien kaum nachvollziehbar. Wir könnten sämtliche Studien der letzten dreißig Jahre abdrucken – am Ende stünde für die meisten Leser doch nur Wort gegen Wort: das der einen Experten gegen meines und das jener Genforscher, die meiner Einschätzung näher stehen. Und davon gibt es international immer mehr [1-2].
Genau das ist ein beliebter rhetorischer Trick solcher Kampagnen: den Andersdenkenden als vereinzelten Irren darzustellen.
Erst vor wenigen Tagen hat David Reich – den ich keineswegs als inhaltlichen Verbündeten betrachte – zusammen mit Kollegen in der Fachzeitschrift Nature eine große Studie veröffentlicht. Sie analysiert die Entwicklung des westeurasischen Genpools in den letzten 10.000 Jahren [3]. Die Daten belegen nicht nur einen Anstieg der genetisch veranlagten kognitiven Fähigkeiten. Bemerkenswerterweise ging auch die genetische Anfälligkeit für Schizophrenie und bipolare Störungen zurück, ebenso die Neigung zu Fettleibigkeit. Sogar die genetische Anfälligkeit für Tabakkonsum hat abgenommen. Unsere steinzeitlichen Vorfahren hätten, besäßen sie Kenntnis von Tabak, möglicherweise mehr abhängige Raucher unter sich gehabt als wir heute.
Die Genetik ist eine faszinierende Wissenschaft, und kaum ein Monat vergeht ohne neue, aufschlussreiche Erkenntnisse.
Empörung rief mein Verweis auf eine Studie des Dänischen Finanzministeriums von 2021 hervor. Diese Analyse mit dem Titel „Indvandreres nettobidrag til de offentlige finanser i 2018“ prägt seit Jahren die Debatte in Dänemark. Darin wird klar gezeigt, dass Einwanderer und ihre direkten Nachkommen aus MENAPT-Ländern (Mittlerer Osten, Nordafrika, Pakistan, Türkei) im Durchschnitt – als Gruppe - zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens zu Nettobeitragszahlern für das Sozialsystem werden. Anders als bei westlichen Einwanderern oder der einheimischen Bevölkerung verläuft die typische Kurve (Nettoempfänger als Kind/Jugendlicher → Nettozahler im Erwerbsleben → Nettoempfänger im Rentenalter) bei dieser Gruppe nicht im Positiven, d.h. sie bleiben Nettoempfänger. Das Ministerium bezifferte die Nettokosten für nicht-westliche Einwanderer und Nachkommen 2018 auf 31 Milliarden Kronen. Diese Befunde werden in Dänemark quer durch die politischen Lager diskutiert. Der damalige sozialdemokratische Minister für Ausländer- und Integrationsangelegenheiten Mattias Tesfaye kommentierte die Studie 2021 mit den Worten: „Der Bericht bestätigt die Probleme, die wir kennen. Es gibt immer noch einen großen Integrationsrückstand. Aber ich freue mich, dass er zeigt, dass die Nettokosten für nicht-westliche Einwanderer und Nachkommen weiter sinken. Das ist eine gute Nachricht. Die strenge Einwanderungspolitik wirkt.“ Er kritisierte zugleich, dass zu wenige Frauen mit MENAPT-Hintergrund erwerbstätig seien, und kündigte eine 37-Stunden-Arbeitspflicht an – die seit Januar 2025 tatsächlich gilt. Grundsätzlich mag es sinnvoll sein, wenn Sozialleistungsempfänger eine Gegenleistung erbringen. Dennoch halte ich den Versuch, Menschen mit anderen Präferenzen und Anlagen durch institutionellen Druck langfristig „passend“ zu machen, für aussichtslos.
Menschen formen ihre Umwelt nach ihrer eigenen biologischen und kulturellen Veranlagung – und das gilt für Individuen ebenso wie für Gruppen. Wer große Gruppen aus fernen Gegenden ins Land holt, importiert nicht nur Menschen, sondern auch deren Präferenzen und Neigung, die Gesellschaft nach ihren eigenen Mustern umzugestalten. Die Vorstellung, man könne eine Leistungs- oder Leitkultur einfach von oben verordnen, während ansonsten alles „bunter und menschlicher“ werde, ohne dass sich Wesentliches ändert, ist naiv. Das Gegenteil ist auf jedem Schulhof in westdeutschen Großstädten sichtbar.
[1] EDWARDS, Anthony WF: Human genetic diversity: Lewontin's fallacy. BioEssays, 2003, 25. Jg., Nr. 8, S. 798-801. DOI 10.1002/bies.10315
[2] PIFFER, Davide; KIRKEGAARD, Emil OW: Evolutionary trends of polygenic scores in European populations from the Paleolithic to modern times. Twin Research and Human Genetics, 2024, 27. Jg., Nr. 1, S. 30-49. DOI 10.1017/thg.2024.8
[3] AKBARI, Ali, et al. Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia. Nature, 2026, S. 1-10. DOI 10.1038/s41586-026-10358-1
Anmerkung der Redaktion: Die FP schreibt in ihrem Artikel vom 9. April 2026 „Die Biologin Mathilda Huss leitete im Freiberger Festsaal aus genetischen Daten eine Ungleichwertigkeit von Menschen ab.“ Die im Transkript, Zeilen 170-185 (Seite 4), nachzulesende Aussage von Dr. Mathilda Huss dagegen lautete „Alle Menschen besitzen das gleiche Recht auf Entfaltung. Moralische Gleichheit heißt: Jeder Mensch besitzt Würde. Jeder Mensch hat Rechte. Jeder Mensch ist vor Gott und vor dem Gesetz gleich. … Empirische Gleichheit hieße: dass sich Menschen nicht substanziell unterschieden in ihren Eigenschaften, Fähigkeiten, Präferenzen und Belastungen. Die Gleichheit vor dem Gesetz stellt einen schützenswerten zentralen zivilisatorischen Wert dar. Die empirische Gleichheitsbehauptung dagegen ist Wunschdenken und empirisch falsch.“