The Walking Dead – Einkaufswagen Edition
Agathe* packt aus ...
6:00 Uhr.
Der Laden ist noch geschlossen. Eine Uhrzeit, zu der normale Menschen noch träumen und ich als Verkäuferin in einem großen Supermarkt bereits zwischen Zeitungsstapeln und Regalen stehe. Mein Arbeitsplatz liegt irgendwo zwischen Kassendienst, Waren einräumen und dem täglichen Versuch, Ordnung gegen den Ansturm des Alltags zu verteidigen.
Ich räume ein, sortiere, richte aus und frage mich beim Regal der Kinderzeitschriften kurz, ob ich aus Versehen falsch abgebogen bin. Es sieht aus, als hätte Toy Story Teil 20 hier Generalprobe gehabt. Hefte liegen schief, quer, falsch herum. Prinzessin Lillifee kuschelt mit Dinosauriern, Paw Patrol übernimmt das Kommando und ich bin mir sicher, irgendwo lacht Buzz Lightyear.
Der Playboy hat sich mal wieder unter die Tageszeitungen gemischt. Nun ja. Während die Mutti einkauft, bildet sich der Vati eben weiter. Die Compact steht geschniegelt vorm Spiegel, Tichys Einblick neben dem Eulenspiegel. Jeder sucht seinen Platz, so wie im echten Leben. Ich arbeite mich Reihe für Reihe vor und denke mir - das hier ist kein Zeitungsregal, das ist ein sozialer Querschnitt in Papierform.
Aus dem Lautsprecher dudelt der Song „Kann das sein, dass du dumm bist“. Ein musikalischer Hinweis, den ich nicht weiter kommentiere. Kurz vor sieben folgt die Durchsage.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, in Kürze öffnet unser Markt. Ich wünsche uns allen einen angenehmen Arbeitstag.
Ich antworte innerlich, na dann auf in den Kampf.
Die Türen gehen auf.
The Walking Dead. Nur mit Einkaufswagen.
Die Jugend macht die Wege dicht, als gäbe es Prämien fürs Querstehen. Die ältere Generation parkt strategisch, damit Erika auf jeden Fall die Erste beim Obst ist. Ordnung ist ab jetzt eine Frage der Perspektive und meiner Geduld.
Jetzt heißt es Lächeln aufsetzen wie bei Germany’s Next Topmodel. Ich sage freundlich Guten Morgen und werde angestarrt, als hätte ich gerade eine fremde Sprache gesprochen. Falls doch einmal ein Morgen zurückkommt, starre ich mit meinem aufgesetzten Model-Lächeln genauso zurück. Wahrscheinlich sehe ich dabei aus wie ein Zombie kurz vor der Apokalypse.
Mit meinem Hubwagen stehe ich erst einmal fest. Warteschleife. Wie am Telefon, wenn eine freundliche Stimme sagt, Please hold the line. Ich halte. Ich halte weiter. Ich halte noch ein bisschen länger.
Dann endlich Bewegung. Auf dem Rückweg sehe ich es sofort. Das Chaos ist zurück. Zeitungslesende Rentner überall verteilt, Gänge werden zu Sackgassen, mein Hubwagen macht Slalom und ich innerlich gleich mit. Guten Morgen, ist heute offenbar optional.
Irgendwann komme ich an.
Ich weiß nicht wie, aber ich bin da.
Und denke mir nur noch.
Augen auf bei der Berufswahl. Fortsetzung folgt.
Eure Agathe*
*Die Autorin ist der Redaktion bekannt und berichtet regelmäßig aus ihrem Berufsalltag